Zubehör – weniger ist mehr

Die Industrie produziert, was den Menschen gefällt – gefällt es auch den Tieren? „Weil es schön ist“ – aber sinnvoll fürs Tier? Welche Folgen für die Tiere kann unnützes oder falsches Zubehör haben? Tieren passieren Dinge im Leben nur, weil es für den Besitzer schön aussieht!? Das ist nicht nur äußerst fraglich, sondern grenzt manches Mal an Quälerei eines vom jeweiligen Menschen abhängigen Lebewesens.

Die Massenproduktion von Tierzubehör hat inzwischen alle Bereiche erschlossen, auch Produkte für Spezialrassen und alle erdenklichen Einsatzbereiche werden angeboten. Im Grunde genommen muss man sich fragen, wozu ein Zubehörteil ursprünglich gedacht war, ob es tatsächlich einen bestimmten Zweck hatte. Moderne Materialien machen vieles möglich, was auch sehr sinnvoll sein kann. Leider ist das nicht immer der Fall.

Wenn wir uns bei Pferden beispielsweise die gängige Praxis des Bandagierens ansehen, könnte man manchmal eine direkte Modenschau daraus machen – die Farben sind gerade modern und dazu passend sind dann auch Schabracke und Fliegenhäubchen. Wo wurde das Bandagieren gelernt? Darf Druck auf das Gewebe einwirken, die Sehnen aneinander und an den Knochen drücken, wo ist die Polsterung? Wie wenig darf eine elastische Bandage beim Anlegen gedehnt werden? Wo fange ich an zu wickeln? Wo unterstütze oder behindere ich die Blutzirkulation und den Lymphabfluss? Was ist mit dem Wärmestau unter den Bandagen, der allein für sich zu Sehnenschäden und Kreislaufbelastungen führen kann. Für Gamaschen gilt ähnliches. Wenn ein Pferd nicht korrekt laufen kann und sich selbst beim Gehen verletzt, muss selbstverständlich für einen Schutz vor Verletzungen gesorgt werden, aber in der Regel sollten die Pferde wissen, wo ihre vier Beine sind – das lernen Pferde in der freien Bewegung, auf dem Paddock oder der Weide, es kann mit Bodenarbeit geschult werden und mit Kinesiologie bewusst gemacht werden.

Die Pferdedeckenindustrie boomt – alle Varianten sind erhältlich. Es gibt Indikationen, bei denen das Eindecken im Winter sinnvoll ist, aber jedes Freizeitpferd? Wenn ein Pferd krank ist, zu dünn ist und friert, wird es selbstverständlich zusätzlich vor Kälte geschützt. Ein gesundes, normal beanspruchtes Pferd hat ein wetterfestes Fell, fühlt sich ohne Decke in der Regel wesentlich wohler, weil es am Körper keine Temperaturunterschiede gibt (Rücken warm – Beine kalt) und lebt ohne Decke gesünder. Lästig für den Reiter ist, dass er vielleicht nach der Arbeit eine Abschwitzdecke verwenden und diese später wieder abnehmen muss.

Ein nicht passender Sattel macht sich früher oder später in Rückenschmerzen bemerkbar. Im Laufe eines Pferdelebens kann es durchaus passieren, dass der Sattel mehrmals ausgetauscht werden muss, weil sich das Pferd entwickelt, der Rücken sich verändert, sich später etwas absenkt und das Pferd vielleicht dünner wird. Eine gute Polsterung in Form einer Satteldecke oder eines Pads darunter ist wichtig, der Sattelgurt darf keine Scheuerstellen machen und nicht drücken.

Trensen, Gebisse und Sperrhalfter sind ein Kapitel für sich. Man muss den Pferdebesitzern häufig erst anschaulich die tatsächliche Wirkungsweise der einzelnen Mundstücke im Pferdemaul erklären. Verstärkt wird die Wirkung durch zusätzliche Hebel oder Kombinationen und das meistens viel zu fest verschnürte Sperrhalfter. Diverse Hilfszügel ergänzen das Repertoire – damit wird oft mit Druck eine gewünschte Haltung erreicht, die mit Lockerheit nichts zu tun hat und zu Schmerzen und Verspannungen führt.

Bei Hunden haben wir das Problem, dass Hundemäntel, die für kurzhaarige Wohnungshunde bei Nässe und Kälte notwendig sind, manchmal so geschnitten sind, dass sich die Hunde darin nicht richtig bewegen können, weil es einfach unterschiedliche Figuren beim Hund gibt, dass Halsbänder drücken und nicht passen oder moderne Hundegeschirre oft die Bewegung der Schulter einschränken oder wieder andere im Sommer durch die großen Flächen einfach zu Hitzestau führen können.

Grundsätzlich gilt es, immer zu hinterfragen, ob ein verwendeter Gegenstand notwendig, passend und sinnvoll ist, was damit erreicht werden soll und welche Nachteile eventuell damit verbunden sind.

Bei der Anamnese müssen wir nicht nur nach Vorerkrankungen, sondern auch nach den verlangten Leistungen,
der Belastung, dem Stallmanagement und der Ausrüstung mit allem Zubehör fragen und es uns zeigen lassen. Es muss der Sinn und Nutzen hinter der Anwendung von Zubehörteilen zu erkennen sein und es dürfen durch die Benutzung keine gesundheitlichen Einschränkungen entstehen. Es ist viel Aufklärungsarbeit erforderlich, um zu einem natürlichen Umgang mit den Tieren zurückzukehren. Das ist aber Voraussetzung für Heilung und Gesundwerden und um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Tiere langfristig zu erhalten.

Anita Ruckriegel
Tierheilpraktikerin

Verbandszeitschrift des Internationalen Tierheilpraktikerverbandes e.V.
als Beilage in der Zeitschrift „tierhomöopathie“ | Ausgabe I/2015

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