Hufrehe – ein vielschichtiges Problem

„Ich bin so traurig – mein Pferde wurde gestern wegen Hufrehe eingeschläfert.“ Mein Wallach war vier Wochen krank und zuletzt hat er wohl noch einmal einen Schub bekommen. Seine Blutwerte waren so schlecht, dass es keine andere Möglichkeit mehr gab.“

Da stellen sich Fragen über Fragen:
Wie sind die äußeren Bedingungen? Was bestanden für Vorerkrankungen? Wie war der Gesamtzustand vor dem Reheschub? Was war der Auslöser? Wie wurde behandelt?

Dass Hufrehe vermehrt im Frühjahr auftritt, wenn das Gras super gehaltvoll aus dem Boden schießt und im Herbst, wenn sich der Saft zurückzieht, aber doch entsprechend Eiweiß und Fruktane vorhanden sind, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Zu der Gefahr, mit Fruktanen einen Reheschub zu provozieren, besteht noch sehr viel Unsicherheit. Fruktane sind ein Energiespeicherstoff in den Pflanzen.

Es geht vor allem um Frühlings- und Herbsttage, an denen nachts sehr niedrige Temperaturen bestehen und dann morgens bei herrlichstem Sonnenschein die Pferde auf die Koppel stürmen – dabei sollte die Außentemperatur mindestens 9 Grad betragen, weil sonst die Fruktane noch in den Gräsern sind und ihre Power bei niedrigen Temperaturen nicht in Wachstum umgesetzt werden kann. Ist die Temperatur jedoch entsprechend hoch, wandelt die Pflanze die Fruktane wieder in unschädliche Glucoseformen um, die für Pflanzenwachstum verwendet werden.

Im Frühjahr langsam von der Heufütterung auf Weidebetrieb umzustellen und auch immer genügend Heu zur Verfügung zu stellen, um die Darmbakterien fit zu halten, ist unabdingbar. Aber auch alle anderen äußeren Umstände bezüglich Stallhygiene, Futterqualität, Herdenzusammensetzung, emotionaler Faktoren wie Nutzung und Beziehung zum Besitzer spielen eine große Rolle. Der Wohlfühlfaktor für das Pferd muss gegeben sein.

Dies alles wird verkompliziert durch diverse Erkrankungen, die bereits bestehen – in erster Linie das EMS (equines metabolisches Syndrom, bei dem die Pferde durch Stoffwechselprobleme viel zu viel Fett ansetzen), das Cushing Syndrom, bei dem zu viel körpereigenes Cortison gebildet wird und schwerwiegende Erkrankungen, die mit Cortison als Medikament behandelt werden müssen. Aber auch die Überlastung des Organismus mit Giftstoffen wie z.B. Pilztoxinen im Futter, Pflanzenschutzmitteln Endophyten (pflanzeneigenen giftigen Abwehrstoffen in den Gräsern), Insektiziden aus der Umgebung des Pferdes oder als Fliegenmittel direkt am Pferd verwendet, Giftstoffen, die über Insektenstiche in den Körper gelangen, chemische Substanzen aus Medikamenten oder Wurmkuren und eine Überlastung des Abwehrsystems spielen eine maßgebliche Rolle.

Alle diese Faktoren schaffen die Grundlage dafür, dass durch einen kleinen Auslöser, der noch dazu kommt, das ganze Regulations- und Entgiftungssystem des Pferdekörpers durcheinanderkommt und seine Aufgabe nicht mehr ausreichend erfüllen kann mit der Folge einer Hufrehe.

Der verursachende Faktor wie beispielsweise zu lange Weidezeit kann schnell abgestellt werden, aber dann gilt es über die Akutbehandlung eines Reheschubes hinaus, Defizite auszugleichen und die betroffenen Organe zu unterstützen und zu regenerieren. Natürlich wird man versuchen mit innerlichen und äußeren Anwendungen diese meist hochakute Entzündung positiv zu beeinflussen, den Druck im Huf zu mildern durch Mittel, die Flüssigkeit resorbieren helfen, die Durchblutung im Huf zu fördern, evt. auch Blutegel anzusetzen, um die Fließfähigkeit des Blutes zu verbessern und eine Entlastung zu erzielen, das Lymphsystem für den Abtransport von Entzündungsprodukten zu unterstützen, dem verkrampften Gefäßsystem zu helfen und nicht zuletzt den massiven Schmerzfaktor zu berücksichtigen.

Weiterhin wird es fast immer notwendig sein, den Körper bei der Entgiftung zu unterstützen, indem Leber, Nieren und Lymphsystem Hilfestellung bekommen. Bei entsprechenden Vordiagnosen, die eine Insulinresistenz aufweisen, muss auch die Bauchspeicheldrüse in die Behandlung mit einbezogen werden. Nicht zuletzt sollte das Augenmerk auf die Mineral- und Spurenelementversorgung gelegt werden, insbesondere die Werte von Zink, Selen und Kupfer sind hier zu erheben und entsprechend dem Befund auszugleichen.

In der Rekonvaleszenzphase wird man den Gelenkaufbau hinsichtlich arthrotischer Veränderungen und das Immunsystem mit entsprechenden Mitteln unterstützen. Wenn die Behandlung optimal gelingt, kann das Pferd nach einem entsprechend langen Heilungsprozess voraussichtlich auch wieder Gras fressen (natürlich entsprechend vorsichtig und mit Bedacht gemanagt).

Wenn im oben angeführten Fall über vier Wochen neben Verbänden nur Schmerzmittel mit Entzündungshemmern verwendet und sonst keine weiteren Behandlungsmaßnahmen durchgeführt wurden, ist es sehr schade, dass auf Grund von „schlechten Blutwerten“ (welche waren schlecht?) den Besitzern Aussichtslosigkeit suggeriert wird, die sie veranlasst, erst gar keine weiteren Behandlungsversuche in die Wege zu leiten. Wir als Tierheilpraktiker haben so viele Möglichkeiten, auch bei der Hufrehe einen Heilungs- und Regenerationsprozess zu unterstützen, dass auch schwerwiegende Fälle eine gute Chance haben!

Anita Ruckriegel
Tierheilpraktikerin

Verbandszeitschrift des Internationalen Tierheilpraktikerverbandes e.V.
als Beilage in der Zeitschrift „tierhomöopathie“ | Ausgabe III/2015