Kleine Ursache, große Wirkung!

Wir lernen so viele unterschiedliche Symptome in unserer Ausbildung kennen, lernen die verschiedensten Krankheitsbilder zu differenzieren und halten uns immer auf dem Laufenden, wenn es neue Erkenntnisse gibt, wenn neue Zusammenhänge bekannt werden, wenn sich neuartige Krankheiten entwickeln.

Manchmal sind wir geneigt, bei Patienten tatsächlich gleich an drastische Dinge zu denken und vergessen  mitunter, ganz am Anfang zu beginnen. Im Laufe der Zeit begegnen uns Therapeuten Fälle, die wir ganz einfach lösen können, die aber unter Umständen auch schon eine lange Krankheitsgeschichte haben.

Wir müssen uns nicht nur sehr genau die Vorgeschichte anhören, sondern ebenfalls die Befunderhebung tatsächlich auf den ganzen Organismus ausrichten und nicht nur auf die derzeit sichtbare Symptomatik. Hier einige Beispiele, um das zu veranschaulichen:

Nummer 1: Hündin – diffuse Symptomatik
Aktueller Fall in diesem Winter: die Hündin kränkelt schon mehrere Tage, frisst verhalten, morgens nur mit viel Überredung, will nicht gern Gassigehen, ist sehr verspannt, harter Bauch, in der Vergangenheit immer wieder Futterempfindlichkeit mit Magen-Darmstörungen – im Moment auch Schmerzäußerungen beim Anfassen im hinteren Körperbereich. Sie will nicht aus dem Haus, nach dem Spaziergang deutlich schlechter. Die Besitzerin war sehr besorgt und hat ihren Hund untersuchen lassen – es wurde nichts Konkretes gefunden. Das Blut, das abgenommen wurde, war unauffällig, die Hündin bekam eine Infusion mit schmerzstillenden Mitteln. Am nächsten Tag das gleiche Bild wieder – auch das angefertigte Röntgenbild erbrachte keinen

verifzierbaren Befund, nochmal eine Infusion und ein Termin zum Ultraschall am nächsten Tag. Auch bei dieser Untersuchung alles in Ordnung, ebenfalls die durchgeführte Urinuntersuchung, sodass eine Blasenentzündung ausgeschlossen werden konnte. Das Verhalten und die Symptome hatten sich aber noch nicht verändert. Nachdem ich in der Vorgeschichte gehört hatte, dass die Hündin normalerweise immer lange Spaziergänge gemacht hatte, dass derzeit Schnee liegt, der natürlich an wärmeren Tagen antaut und dann verharscht, lag der Verdacht auf der Hand, dass sie einfach wunde Pfoten hatte, die dann mit dem Streusalz massiv reagiert haben. Normalerweise hatte sie Verletzungen und Schmerzen an den Pfoten gezeigt, indem sie das Pfötchen gehoben hatte, aber in diesem Fall wusste sie wohl einfach nicht, welche der vier Pfoten sie heben musste… Es waren keine deutlichen Einrisse oder Verletzungen der Pfoten zu sehen, aber ihre neuen Hundesocken ließen die Symptomatik sofort verschwinden. Sie konnte wieder springen, konnte ordentlich fressen und hatte nicht schon vorher Angst, dass sie bald aus dem Haus gehen muss.

Nummer 2: Wallach – Ekzem im Gesicht
Der nächste Fall betrifft das Frühjahr: eine Pferdebesitzerin schickte ein Bild mit der Nase ihres Pferdes mit offenen Stellen – sie berichtete, dass es im letzten Jahr schon genauso war und dass da sehr umfangreiche Untersuchungen und Behandlungen gemacht wurden, die letztendlich keinen Effekt hatten und dass sich das Ganze über mehrere Wochen hingezogen hatte.
Nachdem die Jahreszeit passte, hatte ich die Vermutung, dass die Pferde auf ihrer Koppel, beziehungsweise vom Auslauf aus, versuchten, an frische Gräser zu kommen, die zu dieser Zeit auch zwischen den jung aufwachsenden Brennnesseln zu finden sind. Es war also wirklich eine einfache Lösung, den Ausschlag auf die Brennnesseln zurückzuführen. Somit war er schnell wieder verschwunden, als der Kontakt unterbunden wurde.
Nummer 3: Pferde – starker Durchfall, Ödem
Auch der Durchfall eines Fohlens war relativ schnell geklärt, weil es sich einfach über den Salzleckstein seiner Mama hergemacht hatte.
Ebenso ließ sich das Bauchödem eines Wallaches auf exzessiven Salzgenuss, sowohl seines eigenen Salzlecksteins, als auch die seiner Nachbarpferde zurückführen. Natürlich muss und musste in so einem Fall geklärt werden, warum dieser Salzhunger bestand, bei ihm war es ein bis dahin unbekanntes Cushing Syndrom.
Der Grundsatz „Salz bindet Wasser“ ist immer aktuell und Salz verursacht übermäßigen Durst und massive Wasseraufnahme.

Nummer 4: Hund – Diagnose: „total verkrebst“
Der absolute Glücksfall ist es, wenn sich scheinbar sehr drastische Diagnosen mit ganz einfachen Mitteln behandeln lassen und sich im Nachhinein als viel harmloser herausstellen. Ein Jack Russell Terrier, dem es sehr schlecht ging, hatte einen aufgetriebenen Bauch und im Röntgenbild massive Verschattungen mit der Diagnose: „alles verkrebst und Pankreasabszess“.
Die Besitzerin konnte sich nicht gleich zum Einschläfern durchringen und wir begannen eine Behandlung mit homöopathischen Mitteln bezüglich der Abszesse. Nach zwei Wochen konnte sie mir berichten, dass ihr Hund wieder völlig in Ordnung ist.
Nummer 5: Landschildkröte – feuchter Panzer
Auch eine Landschildkröte gab Rätsel auf, nachdem ihr Panzer zum Teil feucht/ölig verschmiert war. Natürlich denkt man im ersten Moment an sezernierende Erkrankungen unter den Panzerplatten, aber nachdem sie sonst keine Symptome hatte, musste man der Sache wirklich auf den Grund gehen – sie war einfach mehrmals unter einer aufgehängten Plastiktüte durchgekrochen, in der sich eine Heringsdose, bereit zur Entsorgung, befunden hatte. Aus dieser ist tröpfchenweise Öl ausgelaufen. Damit war die Ursache natürlich geklärt. Wenn es immer so einfach wäre!
Nummer 6: Hündin – Lymphknotenkrebs
Die Doggenhündin hatte stark geschwollene Lymphknoten in der Achsel und sollte deswegen intensivmedizinisch mit Verdacht auf Krebs behandelt werden.
In der Anamnese konnte auf meine Nachfrage ganz leicht festgestellt werden, dass die Hündin einige Tage davor in ein Erdwespennest getreten war, etliche Stiche abbekommen hatte und die Lymphknotenschwellung eindeutig darauf zurückzuführen war. Der ganze Spuk war nach einer Woche wieder vorbei.
Nummer 7: Hündin – Leishmaniose
Die kleine Hündin mit Ursprungsland Ungarn hatte einen vergrößerten Lymphknoten am Hals – um alles abzuklären, wurde ihr beim Tierarzt Blut abgenommen und neben dem Screening auch auf südländische Krankheiten getestet. Der Leishmaniose-Titer war ganz leicht positiv. Daraufhin sollte eine Lymphknotenpunktion vorgenommen werden und diverse andere Untersuchungen.
Wir haben einfach den Titer nach drei Wochen (im gleichen Labor) noch einmal untersuchen lassen und dieses Mal war er negativ, einfach weg – bei Laboruntersuchungen sind ganz einfach auch einmal Schwankungen drin.
Der Lymphknoten machte keine Probleme mehr. So haben wir der kleinen Hundedame viel Untersuchungsstress erspart.
Nummer 8: kleiner Hund – Verdacht auf Lymphom
Einen stark vergrößerten Lymphknoten hatte ein sehr kleiner Rüde, der insgesamt schon extrem krank war. Zusätzlich wurde dann dieser vergrößerte Lymphknoten im Brustbereich gefunden und jener sollte punktiert werden. Es wurde weiterhin zu einem MRT geraten. Bei entsprechend positivem Befund sollte er eine Chemotherapie bekommen.
Ich habe davon komplett abgeraten, weil er das alles in seinem Zustand nie überlebt hätte und konnte ihn mit seinen zahlreichen massiven Diagnosen, die er hatte, neben der schulmedizinischen Behandlung, sehr gut begleiten, so dass er wieder gesund und munter wurde.
Nummer 9: Haflingerwallach – Dauerdurchfall
Dieser 6 Jahre alte Patient hatte seit 3 Jahren massiven Dauerdurchfall – er hatte nur „Kuhfladen“ – alle eingeleiteten Untersuchungen des Kotes waren unauffällig, alle bisherigen Behandlungsversuche verschiedener Therapeuten umsonst.
Als er mir vorgestellt wurde, habe ich zunächst einmal Blut abgenommen, um den Gesamtzustand besser beurteilen zu können – siehe da, der Selenwert war so niedrig, dass er im Labor gar nicht mehr genau gemessen werden konnte, sondern unter dem messbaren Grenzwert lag.
Drei Tage nachdem mit der Zufütterung von Selen und Vitamin E begonnen worden war, hatte er bereits geformte Pferdeäpfel und das ist auch in der Folge so geblieben. Selen ist ein wichtiges Spurenelement und fungiert unter anderem als Baustein des Antioxidationskomplexes.
Nummer 10: Wallach – selbstverletzendes Verhalten
Dieser Wallach biss sich immer wieder selbst in seine besten Teile und riss zum Teil ganze Fetzen aus dem Vorhautsack. Er war dabei sehr aggressiv. Es war schon einmal eine Operation gemacht worden, aktuell war die Überlegung, ihn noch einmal operieren zu lassen, weil die Verletzungen permanent offene, tiefe Wunden waren. Nur – eine Operation würde das Verhalten voraussichtlich nicht beeinflussen. Die Frage war also, woher dieses kam.
Bei einer kinesiologischen Sitzung konnte ich herausfinden, dass er sehr schlecht sieht. Das allein wäre ja kein Problem gewesen, aber er hatte immer versucht, alles möglichst gut zu sehen und hatte dabei offensichtlich starke Kopfschmerzen bekommen, die ihn „rasend“ machten. Nachdem Besitzer und Trainer Bescheid wussten und ihm vermitteln konnten, dass es gar nicht notwendig ist, dass er alles sieht, dass sie ja für ihn sehen und aufpassen würden, konnte er sich entspannen und das selbstverletzende Verhalten ablegen.
Nummer 11: Haflingerwallach – Hufrehe
Der 10-jährige Haflinger hatte schon seit 8 Wochen einen Gips an beiden Vorderhufen, bekam äußerst wenig Heu zu fressen, hatte massiv abgenommen, stand mit „Hufrehe“ in der Box und sollte in den nächsten Tagen eingeschläfert werden.
Ich habe ihn eine kleine Weile beobachtet und war durch die Art seiner schmerzhaften Bewegung und des Stehens der festen Überzeugung, dass es sich hier nicht um eine Hufrehe, sondern um ein Hufabszess vorne links handeln würde. Nach Abnahme der Gipsverbände kam dann auch die Abszessstelle zum Vorschein.
Nummer 12: Stute – Kolikanfälligkeit
Die 15-jährige Warmblutstute hatte fast wöchentlich Koliken, die jeweils so schwer verliefen, dass der Tierarzt kommen und behandeln musste. Nach einigem Nachfragen stellte sich heraus, dass die Koliken mit Wetterwechseln und extremer Witterung im Zusammenhang standen.
Durch den hochdosierten Einsatz pflanzlicher Mittel zur Herzunterstützung konnte der Stute geholfen werden, dass der Kreislauf nicht zwischendurch immer wieder absackte und dann der Darm minderdurchblutet war. Kolikproblem behoben!
Nummer 13: Whippet – Zustand nach einer Darmoperation
Dieser von Haus aus schlanken Hündin wurden bei einer notwendigen Operation 70 cm vom Dünndarm entfernt – in der Folge hatte sie die Hälfte ihres Körpergewichtes verloren – es stand also nur noch ein Skelett mit Haut überzogen vor mir. Klinik und Tierärzte hatten ihr Möglichstes getan, es ging immer weiter bergab. Im Wesentlichen habe ich die ohnehin schon sehr gute artgerechte Fütterung mit Hackfleisch auf absolut mageres Rindfleisch umgestellt, weil Fett überhaupt nicht vertragen wurde. Vitaminpaste dazu, Vitamin B wurde einmal wöchentlich beim Tierarzt gespritzt, Homöopathie als Unterstützung und ein hervorragendes Fütterungsmanagement mit zweistündigen Abständen haben (zwar langsam) aber nachhaltig zum Erfolg geführt.
Nummer 14: Islandstute – Kolik
Die 27-jährige Stute hatte eine akute Kolik, lag auf dem Rücken und streckte die Beine nach oben. Die herbeigerufene Tierärztin spritzte krampflösende Mittel, schob eine Nasen-Schlund-Sonde und stellte bei der rektalen Untersuchung eine Darmschlinge fest. Als ich zu diesem Fall dazukam, stand das Pferd gerade mit weit aufgerissenen Augen, den Schlauch im Magen und der Nasenbremse da und war extrem aufgeregt. Sobald sie aus dieser Situation entlassen wurde, legte sie sich wieder entlastend hin und atmete sehr schwer.
Auf meine Frage, ob der Asthmaanfall auch mit behandelt worden sei, bekam ich die Antwort, dass das Pferd kein Asthma habe, sondern so atmen würde, weil es solche starken Schmerzen hätte.
Die Stute ist aber Asthmatikerin und hat öfters Asthmaanfälle aus unterschiedlichen Gründen. Sie sollte wegen dieser Darmaufgasung und der festgestellten Darmschlinge in die Klinik gebracht werden, auch auf die Gefahr, dass sie sich im Hänger wieder hinwerfen würde. Die Fahrt hätte mindestens 1 Stunde gedauert, deswegen war Eile geboten.
Aufgrund ihres Alters riet ich, die Stute nicht in die Klinik zu fahren und nicht operieren zu lassen, weil sie auch schon mit Verknöcherungen an der Wirbelsäule Probleme hatte und das durch das Aufhängen bei einer Operation nicht besser werden würde.
Ich bat die Tierärztin, doch ihre weiteren Patienten zu besuchen und zu versorgen und übernahm die Behandlung. Die Stute bekam ihre Asthmamedikamente aus dem Notfall-Kit, wurde mit homöopathischen Komplexmitteln behandelt, Akupunkturpunkte wurden stimuliert und sie wurde geführt – dabei bekam sie auch Gelegenheit, diejenigen Pflanzen zu knabbern, die sie sich selbst ausgesucht hatte: Birkenblätter und schilfartiges Gras.
Durch das Massieren der Darmpunkte an der Schweifwurzel konnte sie sich entspannen und die Blähungen gingen ab. Als die Tierärztin nach einer Stunde wieder kam, um das Pferd eventuell zu erlösen, stand sie fressend am Wegrand – die Kolik war vorbei.
Bei dieser Stute ist das so eine Kaskade, die abläuft: sie ist rossig, es zwickt im Bauch, dadurch verspannt sie sich etwas, es tut weh, dadurch wird der Kreislauf belastet und letztlich reagiert die Lunge mit Spastik und versorgt den Organismus dann mit noch weniger Sauerstoff. Damit ist die Krampfkolik perfekt und sie bläht auf.
Nummer 15: Islandwallach – „gebrochenes Bein“
Es passieren dabei auch ganz kuriose Dinge, beispielsweise als ich auf einem Reiterhof zur Behandlung eines Pferdes war und plötzlich ganz aufgeregt einige Mädchen mit ihren Pferden aus dem Gelände zurückkamen mit der Nachricht, dass da das alte Pony der Reitlehrerin mit gebrochenem Bein im Wald stehen würde und ganz dringend abgeholt werden müsste. Nachdem es Schwierigkeiten gab, einen Hänger zu organisieren und das Ganze noch geraume Zeit gedauert hat, kam plötzlich dieses Pony hochgradig lahmend auf den Hof gehumpelt. Der Wallach hat hinten links den Fuß nur auf der äußersten Hufspitze aufgesetzt und sich ganz langsam vorsichtig fortbewegt.
Der ganze Hof war in heller Aufregung, was denn jetzt zu tun wäre, Klinik, einschläfern… – ich habe auf eine Distanz von ca. 20 m gesehen, dass hinter dem Huf etwas herausschaute. Ich bin hingegangen, habe das Bein gehoben und da war des Rätsels Lösung: Ein großer Pfennignagel hatte sich unweit der Strahlspitze in den Huf gebohrt und war dann umgebogen noch so lange, dass er über den Huf hinaus geragt hatte. Von wegen „Bein gebrochen“!
Nummer 16: Warmblutwallach – Tumor am Penis
Eine weitere Geschichte passierte ebenfalls am Rande einer normalen Pferdebehandlung. Ich sollte mir doch bitte noch kurz einen Wallach anschauen, der für den nächsten Tag zur Operation in der Klinik angemeldet war. Er hätte einen Tumor am Penis, der entfernt werden müsste.
Nachdem von außen natürlich nichts zu sehen war, tastete ich mich vorsichtig in die Tiefe der Vorhaut, um herauszufinden, wie groß dieser Tumor denn ist. Ich fand eine harte Stelle, die eine Größe von circa 5 cm Durchmesser und 3 cm Höhe hatte – betastete diese weiter und schaffte es, sie an einer Stelle vom Untergrund etwas abzuheben. Daraufhin konnte ich vorsichtig die ganze Verdickung vom Penis ablösen und diesen „Tumor“ nach außen befördern. Es handelte sich lediglich um sehr stark verhärtetes Smegma, das sich da in der Tiefe angesammelt und als Smegmastein fest auf dem Schlauch gesessen hatte.

Es passieren allerhand Sachen in einer Tierheilpraxis – manchmal müssen wir nur den einfachen Weg gehen, um Dinge zu erkennen, die leicht zu beheben sind.
*Anita Ruckriegel, Tierheilpraktikerin, Atropa Akademie Augsburg*

Verbandszeitschrift des Internationalen Tierheilpraktikerverbandes e.V.
aus der Zeitschrift „tierisch geheilt“ | Ausgabe I/2021

Teile diesen Beitrag