Heunetze – die Lösung?!

Heunetze sind der Renner – sie sprießen wie Pilze aus dem Boden. Immer mehr begegnen mir bei der täglichen Arbeit mit den Pferden Heunetze und ähnliche Vorrichtungen wie Heutoys etc. Für viele Pferdebesitzer die Lösung ihrer Pferdefütterungsprobleme, aber ist sie das wirklich?!

Ziel der Aktion ist es, das Raufutter zu reduzieren oder die Fütterung des Heues über längere Zeit zu verteilen. Dazu gibt es grob-, mittel- und engmaschige Netze, die klassisch als Sack oder auch flächig als Beutel gefüllt und aufgehängt werden können. Die Pferde zupfen die einzelnen Heuhalme aus dieser Netzkonstruktion. Solche Netze finden sich auch manchmal in Futterraufen, damit die Pferde auch da ihre Heustängel aus den Löchern des Netzes zupfen müssen. Die Heutoys sind röhrenförmig mit einigen größeren Löchern – auch da macht das Herauszupfen des gestopften Inhalts Mühe. Natürlich kommt es auch auf die Struktur des jeweiligen Heues und die Länge der einzelnen Halme an.

Nicht selten beobachtet man Muskelverspannungen bis in den Rücken hinein, weil die physiologische Haltung mit locker nach unten hängendem Kopf nicht möglich ist – das Heunetz muss höher hängen, damit die Pferde nicht mit Hufen oder Hufeisen darin hängenbleiben können. Zudem wird der Kopf oft schief gehalten, damit von der Seite her gezupft und gerupft werden kann – das bedeutet auch viel Kraftaufwand, weil nicht selektiv nur das Heu, sondern auch die Maschen des Netzes mit ins Maul genommen und dieses hoch gehoben wird. Lockere Zähne bis zum gebrochenen Unterkiefer können ebenfalls die Folge davon sein.

Das Pferd hält den Kopf beim Fressen schief.

Das Pferd hält den Kopf beim Fressen schief.

Das Pferd beißt in die Maschen und hebt das schwere Netz hoch.

Das Pferd beißt in die Maschen und hebt das schwere Netz hoch.

Außerdem machen, je nach Befestigung, die doch zum Teil heftig bearbeiteten Netze und Heutoys eine ganze Menge Lärm, den die übrigen Pferde des Bestandes gerade nachts, wenn es ruhiger ist, über sich ergehen lassen müssen.

Als Begründung, ein Heunetz zu verwenden, kommt ganz oft dieser Satz: In freier Wildbahn fressen Pferde auch 24 Stunden am Tag und deswegen sollen sie rund um die Uhr ihr Heunetz bearbeiten, um ans Futter zu gelangen. Diese Argumentation stimmt nicht: in freier Natur fressen Pferde nicht 24 Stunden, sondern sie fressen über 24 Stunden verteilt!

Das geschieht nach einem ganz eigenen Rhythmus zwischen Fressen, Ausruhen, Schlafen, Aktivität und wieder Futteraufnahme. Eine Herde bewegt sich zur Nahrungsquelle, einer Wiese, bleibt da relativ stationär mit leichter Vorwärtsbewegung und grast rund 1 ½ Stunden kontinuierlich bis sich ein Sättigungsgefühl einstellt. Es passt auch nicht mehr hinein, weil der Pferdemagen im Verhältnis zur Körpergroße relativ klein ist.

Dann ist Dösen mit Verdauungsarbeit angesagt – der Nahrungsbrei bewegt sich in den Darm und wird in seine Einzelteile zerlegt, Nährstoffe werden resorbiert. Bevor es danach in eine Aktivitätsphase übergeht, wird noch eine kurze Schlafpause mit Tiefschlafsequenzen auf der Seite liegend eingeschoben, um anschließend fit zu sein.

Gut erholt können nun auch einmal größere Strecken zurückgelegt werden, bis die nächste Fressphase beginnt. Daraus erkennt man, dass Pferde zwar in Notzeiten in der Steppe als ursprüngliche Heimat durchaus auch einmal einzelne Halme abfressen, aber dass sie sehr wohl gerne aus dem Vollen schöpfen. Ziel ist es, satt zu werden, den Bauch voll zu haben – dies bewirkt im Gehirn Zufriedenheit und Ausgeglichenheit und ist der natürlich Rhythmus.

Was machen die Pferdebesitzer? Sie finden ihr Pferd zu dick (ob es nun stimmt oder nicht …) und beschließen, die Futtermenge zu begrenzen. Es gibt natürlich Krankheiten wie das EMS (equines metabolisches Syndrom), bei dem Futter sehr gezielt rationiert werden muss, weil der Organismus durch Fehlsteuerung alle seine Kohlehydrate in Fettpolster umsetzt, dadurch ein Mangel an Glucose für wichtige Aufgaben wie beispielsweise Muskelarbeit entsteht und dies einen unstillbaren Hunger (nach wichtigen Nährstoffen) nach sich zieht. Auch bei Hufrehepatienten muss sehr bewusst gefüttert werden.

Was passiert nun bei einem ganz normalen Pferd, das durch den Einsatz von dichten Heunetzen kein Sättigungsgefühl mehr bekommt? Es wird versuchen, möglichst viel Futter zu erwischen und permanent zu fressen.

Je mehr rationiert, portioniert und reduziert wird, um so größer wird der Drang zur Nahrungsaufnahme und umso mehr verwertet der Körper alles, was er zu sich nimmt zu hundert Prozent, weil er auf Noterhalt umgestellt ist.

Wir ziehen uns fressgierige, nimmersatte und unzufriedene Pferde heran, die unter Umständen aggressiv in Form von Futterneid gegenüber anderen Pferden reagieren und auch im Umgang mit dem Menschen oft nicht gut gelaunt sind. Es gibt Pferde, die mit der Fütterung mittels Heunetz zurecht kommen, für die es auch eine gute Option darstellt, aber sehr viele haben damit ihre Probleme.

Gestehen wir den Pferden zu, wirklich satt zu werden, mit dem Fressen aufzuhören, wenn der Magen gut gefüllt ist. Für sich zu entscheiden, wann sie wieviel zu sich nehmen möchten. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass im Stall ausreichend viel und gutes Futter zur Verfügung steht, damit „Heu satt“ gefüttert werden kann. Das heißt nicht, dass Futter liegen bleiben soll, das dann verunreinigt wird, sondern dass keine längeren Fresspausen als vier Stunden auftreten, weil sonst Magengeschwüre entstehen könnten.

Bei ausreichender Menge an Heu/Gras selektiert das Pferd viel besser verträgliche Bestandteile aus und lässt auch einmal nicht zuträgliches Futter liegen. Bei der Umstellung auf diese Form der Haltung kommt es anfangs oftmals zu einer Gewichtszunahme, die sich dann aber nach einiger Zeit relativiert, weil das Pferd weiß, dass immer genug da ist und regelmäßig Nachschub kommt.

Deshalb sollten alle Maßnahmen der Rationierung, sei es ein Vorstecken des Weidezaunes, das Verbringen auf eine abgefressene Koppel (Gefahr der Belastung mit Endoyphyten), der Einsatz von Heunetzen und Heutoys kritisch hinterfragt werden und daraus resultierend entsprechende Veränderungen angeregt werden.

Anita Ruckriegel – Tierheilpraktikerin

Verbandszeitschrift des Internationalen Tierheilpraktikerverbandes e.V.
als Beilage in der Zeitschrift „tierhomöopathie“ | Ausgabe III/2017