Jenseits des Sichtbaren

Intuition und Wahrnehmung

Wir lernen regelmäßig Patienten und deren Besitzer kennen und bekommen ein offensichtliches Problem vorgestellt. Da gibt es eventuell bereits Diagnosen von Tierärzten, Kliniken und Spezialisten, es wurde chiropraktisch, osteopathisch und mit sonstigen Methoden therapiert.

Eigentlich ganz einfach – die Krankheitsbezeichnung wurde uns ja vorab am Telefon schon genannt. Das ist ein Hinweis, um sich mit der speziellen Symptomatik des Patienten im Vorfeld noch einmal intensiv zu befassen, aber man darf sich auch nicht in die Irre führen lassen. Diagnosen müssen nicht zwangsläufig stimmen. Ebenso wird in der Schulmedizin die Vorgeschichte nicht immer entsprechend gewürdigt und viele Krankheiten entwickeln sich folgerichtig aus vorausgegangenen Situationen.

Wir müssen die Gesamtheit des Patienten sehr genau anschauen und uns nicht vordergründig eine Situation aufdrängen lassen, weil gerade alles so logisch erscheint. Wir müssen hören, was uns das Tier zu sagen hat – warum es aus seiner Balance, aus seiner Mitte geraten ist, was das Entstehen einer körperlichen Krankheit erst möglich gemacht hat. Es hilft nicht viel weiter, die körperlichen Symptome zum Verschwinden zu bringen, wenn sich die Grundlage nicht verändert. Wo war der auslösende Moment vor den körperlichen Erscheinungen?

Hier ist ein großes Maß an Einfühlungsvermögen für das Tier und die zugehörigen Menschen notwendig. Die Gesamtkonstellation muss erfasst werden. Welche Rolle spielt das Tier in dieser Beziehung, in der Familie, im Rudel oder in der Herde?

Welche Aufgabe ist ihm zugedacht (bewusst oder unbewusst) – welchen Druck, der auf seinen Menschen lastet, muss das Tier mit aushalten und zum Teil abnehmen und tragen? Was wird an Leistung von ihm erwartet, gerade bei Pferden? Wo will der Mensch mit Hilfe des Pferdes glänzen? Wieviel Ehrgeiz steckt wirklich dahinter?

Und wie fühlt sich das Pferd in seiner „Freizeit“? Ist es zum stupiden Eingesperrtsein in einer „Kiste“ verdammt, hat es wenigstens ein Paddock, auf dem es etwas zu sehen bekommt, darf es sich ausreichend bewegen und hat es Sozialkontakte? Wird es in der Herde gemobbt und geplagt, kann es sich dort entspannen, zum Ausruhen legen, hat es Ärger beim Streit um Futter? Steht es im Matsch oder in einem verdreckten Stall – hat es die Möglichkeit, sauber und trocken zu liegen? Bekommt es überhaupt ausreichend Raufutter, so dass es sich satt und zufrieden fühlen kann ohne bohrende Magenschmerzen?

All diese Punkte und damit auch die psychische Situation eines Tieres richtig zu erfassen ist gar nicht so einfach, manchmal ist etwas vordergründig in Ordnung, aber bei näherem Hinsehen nicht wirklich gut und förderlich. Wir müssen uns bei der Behandlung eines Tieres nicht nur alles genau anschauen und anhören, sondern die Gesamtsituation erfassen, erfühlen – wahrnehmen, was nicht sichtbar, was nicht offensichtlich ist und nicht verstandesmäßig erfasst werden kann.

Wahrnehmen, was uns das Tier erzählt, seine Version der Geschichte aufnehmen – dann können wir die richtigen und notwendigen Veränderungen in die Wege leiten, neue Möglichkeiten eröffnen und ein wirksames Gesamtbehandlungskonzept erstellen. Wenn die Grundlagen verbessert werden und die Einstellung der Besitzer sich positiv für das Tier verändert, kann oft in kurzer Zeit bei entsprechender Behandlung ein beachtlicher Fortschritt im Heilungsprozess beobachtet werden.

Deshalb nehmen wir uns die Zeit, uns die Situation in allen Facetten genau anzuschauen, uns einzufühlen und in der Gesamtheit wahrzunehmen! Wir müssen unserer Intuition Raum geben und ihr vertrauen um wahrzunehmen, was nicht sichtbar ist. Je mehr wir in unserer eigenen Mitte und im Fluss sind, umso besser gelingt uns das Hineinhören in uns selbst.

Wir dürfen offen sein, auf unsere Intuition, unser Bauchgefühl, unsere innere Stimme hören und uns auf sie verlassen – sie führt und leitet uns, lässt uns die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellen und die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit treffen zum Wohle unserer Patienten.

Anita Ruckriegel Tierheilpraktikerin

Verbandszeitschrift des Internationalen Tierheilpraktikerverbandes e.V.
als Beilage in der Zeitschrift „tierhomöopathie“ | Ausgabe II/2016